
Von der Dunkelheit ins Licht
Dänemarks jüngst entdeckte Wikingerburg aus der Zeit von Harald Blauzahn hat ein Besucherzentrum bekommen. Das Borgring Experience Center knüpft schon von außen an die Wikingerzeit an: mit seinem charakteristischen Holzbau und einer Fassade aus karbonisiertem Holz.
Als Archäologen 2014 die Landschaft südlich von Kopenhagen mittels Lidar-Aufnahmen vermaßen, machten sie eine Entdeckung. Außerhalb des Dorfes Lellinge bei Køge zeichnete sich ein perfekter Kreis mit einem Außendurchmesser von 145 Metern ab. Wie Grabungen später bestätigten, handelte es sich um eine bis dahin unentdeckte Wikinger-Ringburg, die insgesamt fünfte Anlage in Dänemark. Man beschloss wichtige Abschnitte des Burgrings freizulegen und die Ausgrabungsergebnisse und Funde öffentlich zugänglich machen. Im Sommer 2025 war es schließlich so weit: Das Viking Fortress Borgring Experience Center wurde eröffnet. Es handelt sich dabei um das weltweit erste Museum für Nordische Mythologie und verspricht ein immersives Erlebnis. LOOP Architects haben hier Wikingergeschichte in Holz und Raum gegossen.

Die Ringfestung stammt aus der Zeit des Wikingerkönigs Harald Blauzahn und wurde 2023 von der UNESCO in den Rang eines Weltkulturerbes erhoben. Der neue Kulturbau ist angetreten, um eine Brücke zu schlagen zwischen der mythologischen Überlieferung der Vergangenheit und der klaren Ästhetik des skandinavischen Holzbaus. Dabei wird die Architektur selbst zum Erzähler und vermittelt die Geschichte in Form, Materialität und Raumerlebnis.
An Königshallen und Langhäusern inspiriert
Das beginnt bereits bei der charakteristischen Form des Neubaus, die einem Archetypus der Wikinger nachempfunden ist: den historischen Königshallen. Diese in Größe und Handwerk beeindruckenden Bauwerke waren nicht nur Sitz der Könige, sondern auch das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Hier fanden Feste und Zusammenkünfte statt wie etwa das Thing, die Ratsversammlung der Wikinger.

Diese Bauwerke hatten die typische Form von Langhäusern und waren aus Holz gebaut, die Dächer mit Schilf oder Grassoden eingedeckt. Sie waren bis zu 60 Meter lang und ein gebautes Symbol von Macht und Reichtum. Aber auch ein Ort, an dem die Wikinger ihre Gastfreundschaft pflegten. Eine originalgetreue Rekonstruktion von Dänemarks größter Königshalle findet man auf der Insel Seeland, im archäologischen Freilandmuseum Sagnlandet Lejre.
Archaisch und modern zugleich
Diese herrschaftliche Typologie aus der Wikingerzeit übersetzten die Planer in eine moderne Architektursprache und schafften eine zeitlose Neuinterpretation. Der langgestreckte, dunkle Baukörper in der weiten Landschaft hat eine mythische, geheimnisvolle Anmutung.


Die prägnante Firstform ist eine Interpretation der für Wikingerbauten typischen überkreuzten Dachsparren. „Das Gebäude erinnert deutlich an die einfache Langhausarchitektur der Wikinger mit ihren dominanten Dachkonstruktionen“, heißt es vonseiten des Büros LOOP Architects, die bei dem Projekt Unterstützung vom Landschaftsarchitekturbüro LYTT Architecture hatten.
Das Gebäude erinnert deutlich an die einfache Langhausarchitektur der Wikinger mit ihren dominanten Dachkonstruktionen.
LOOP Architects
Auf diese Weise beschwört das Besucherzentrum ein archaisches Erscheinungsbild, während es sich zugleich einer sehr stringenten, modernen Formensprache bedient. Dazu trägt auch die dunkle, strukturierte Fassade des Baukörpers bei.

Die prägnante Hülle besteht aus Altholz und ist mit einer Technik veredelt, die schon die Wikinger kannten. Um das Holz, das sie zum Bau von Schiffen und Hütten einsetzten, zu imprägnieren, beflammten sie es an der Oberfläche.
Oberflächenschutz durch Karbonisieren
In Japan ist diese traditionelle Oberflächenveredelung unter dem Begriff Shou Sugi Ban bekannt. Sie sorgt für eine natürliche Konservierung des Materials und macht das Holz resistent gegen Schimmelpilz, Insektenbefall, Verwitterung, Fäulnis und Wasser. Und das ganz ohne Chemie. Während die Fassade also auf umweltschonende Weise haltbar gemacht wird, erzeugt die tiefschwarze, seidige Oberfläche eine markante Ästhetik. Aus diesen Gründen erlebt diese Technik aktuell eine Renaissance.

Auch im Inneren des Besucherzentrums trifft man auf diese schwarzen Oberflächen, die für atmosphärische Verdichtung sorgen. Sie beschwören die düstere Vergangenheit und tragen dazu bei, dass die Welt der Wikinger zum Leben erwacht.
Indem sich die Besucher im Gebäude nach oben bewegen, erleben sie einen eindrucksvollen Übergang von Dunkelheit zu Licht.
LOOP Architects
Die altertümliche Imprägnierungstechik dient dabei auch als praktisches Anschauungsbeispiel. „Karbonisiertes Holz bedeckt die Wände des Empfangsraums und verweist so direkt auf die Materialien der Wikingerzeit – sowohl im Duft als auch in der Haptik“, erklären die Architekten.
Storytelling mithilfe der Architektur
Die räumliche Abfolge des Borgring Experience Center folgt einer besonderen Dramaturgie. Während sich die immersive Wikingerausstellung großteils im Dunklen abspielt, sind die Bereiche der gegenwärtigen archäologischen Forschung lichtdurchflutet.

„Indem sich die Besucher im Gebäude nach oben bewegen, erleben sie einen eindrucksvollen Übergang von Dunkelheit zu Licht – ein Element des Storytellings, das das Gesamterlebnis bereichert.“
Ganz oben im First befindet sich der Aussichtsraum, wo Besucher die historische Ringfestung erkunden können. Hier tritt die Holz-Hybrid-Konstruktion des Museumsbaus offen zutage. Sie basiert auf einem leichten, flexiblen Stahlsystem. Der Grund: „Dies minimiert den Materialverbrauch und ermöglicht eine einfache Demontage und Wiederverwendung.“
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Jacob Due