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Mit Holzbau gegen die Krise
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Mit Holzbau gegen die Krise

Amsterdams Peripherie bekommt ein neues Stadtgebiet, das sich an traditionellen Bauernhöfen orientiert. Das Projekt The Erven von White Arkitekter zeigt, wie strohgedämmte Holzhäuser eine Antwort auf Wohnungsnot, soziale Ungleichheit und die Klimakrise zugleich sein können.

Es gibt Wohnbau, der mehr will als nur bewohnbare Fläche schaffen. Manche Projekte erheben den Anspruch, das Zusammenleben der Menschen untereinander neu zu definieren. Oft muss man dafür gar nicht das Rad neu erfinden, sondern nur schauen, wie es früher einmal war. In den Niederlanden, einem Land, das wie kein anderes unter dem Druck der Urbanisierung steht, wirft man einen Blick zurück – um damit einen Schritt nach vorn zu machen. In Hoofddorp, gleich außerhalb von Amsterdam, soll ein neues Quartier entstehen, das das ländliche Leben mit der städtischen Verdichtung versöhnt. The Erven nennt sich das Projekt, das Teil der Gebietsentwicklung Lincolnpark ist. 

The Erven, Hoofddorp, Amsterdam, White Arkitekter, Holzbau, Stroh
Landleben trifft Stadt: The Erven ist als skalierbares Modell für die Stadt von morgen konzipiert.

Der Name ist hier Programm. Erven leitet sich vom traditionellen niederländischen Bauernhof ab, dem Erf. Diese historischen Gehöfte waren nicht einfach nur Gebäude, sondern komplexe, ökologische Systeme, in denen Arbeit, Leben und Natur ineinandergriffen. Genau diese Qualität soll nun in den Maßstab eines modernen Wohnquartiers übersetzt werden.

Das Gestaltungskonzept wurde von lokalen Traditionen inspiriert, interpretiert diese aber zeitgemäß neu, sodass Gebäude, Natur und Menschen ein lebendiges Ökosystem bilden.

Oskar Norelius, Architekt

Mit dem geplanten Bauvorhaben will man ein Stadtviertel der Zukunft schaffen, dessen Ausgangspunkt die Natur bildet – mit Holz, biobasierten Materialien und der Gemeinschaft im Mittelpunkt.

The Erven, Hoofddorp, Amsterdam, White Arkitekter, Holzbau, Stroh
Anstatt zwischen den Bauten reine Abstandsflächen zu schaffen, sollen mit dem Hof- und Naturkonzept lebendige Orte entstehen.

„Das Gestaltungskonzept wurde von lokalen Traditionen inspiriert, interpretiert diese aber zeitgemäß neu, sodass Gebäude, Natur und Menschen ein lebendiges Ökosystem bilden“, definiert Oskar Norelius die Designparameter. Er ist leitender Architekt des schwedischen Büros White Arkitekter und war bereits für die Umsetzung des radikal gedachten Holz-Hochhauses Sara Kulturhus und Stockholms Wood City verantwortlich.

Das Prinzip des Hofes

Die Vision für diese naturbasierte Stadt umfasst 519 neue Wohneinheiten und wird von den Developern Timpaan und Blauwhoed umgesetzt. 

Anstatt sich in anonymen Riegelbauten zu verlieren, gruppieren sich die kleinteiligen Wohnanlagen um vier thematisch gegliederte Innenhöfe. Diese Höfe sind das soziale Herzstück der Anlage und tragen Namen, die fast wie eine Aufforderung zum guten Leben klingen: Ontspan (Entspannen), Groei (Wachsen), Maak (Erschaffen) und Speel (Spielen). 

The Erven, Hoofddorp, Amsterdam, White Arkitekter, Holzbau, Stroh
Insgesamt schafft das geplante Stadtgebiet außerhalb von Amsterdam 519 neue Wohnungen.

In diesen Höfen wird die Architektur zum Regisseur menschlicher Begegnungen, gerade so wie es auf den ländlichen Höfen der Vergangenheit der Fall war. 

Angesichts des enormen Drucks auf den Wohnungsmarkt ist es fantastisch, dass wir mit The Erven so viele erschwingliche Wohnungen hinzufügen zu können.

Ingeborg de Jong, Geschäftsführerin von Timpaan

Anstatt zwischen den Bauten reine Abstandsflächen zu schaffen, sollen so lebendige Orte entstehen. Orte, an denen Gärten gepflegt, Dinge repariert oder einfach nur die Nachmittagssonne genossen wird. Häuser, Grünflächen und Gemeinschaftsareale werden zu einem kohärenten Lebensraum verwebt, in dem Natur und Architektur koexistieren.

The Erven, Hoofddorp, Amsterdam, White Arkitekter, Holzbau, Stroh
Zum Anspruch von The Erven zählt es, leistbaren Wohnraum für alle zu schaffen.

Das neue Stadtgebiet soll aber kein Nobel-Öko-Reservat für Gutbetuchte werden, sondern eine skalierbare Lösung bieten für die Breite der Gesellschaft. Ingeborg de Jong, Geschäftsführerin von Timpaan, betont: „Angesichts des enormen Drucks auf den Wohnungsmarkt ist es fantastisch, dass wir mit The Erven so viele erschwingliche Wohnungen hinzufügen zu können.“

Bauen mit der Natur

Die Rückbesinnung auf die Natur endet nicht bei der städtebaulichen Setzung, sondern durchdringt die Materie selbst. The Erven ist charakterisiert durch eine progressive, biobasierte Architektur, die den CO2-Fußabdruck radikal minimiert. Bei der Bauweise setzt man auf Brettsperrholz als tragendes Element. Ein Material, das CO2 speichert, statt es bei der Herstellung in die Atmosphäre zu blasen, wie das bei Zement der Fall ist.

Das Besondere zeigt sich beim Blick in das Innere der Wände. Hier kommen keine synthetischen Dämmstoffe zum Einsatz, deren Entsorgung uns in Zukunft Kopfzerbrechen bereiten wird. Vielmehr wird mit Stroh und Holzfasern gedämmt, also mit biobasierten Materialien, die ebenfalls CO2 speichern.

The Erven, Hoofddorp, Amsterdam, White Arkitekter, Holzbau, Stroh
Die Häuser werden aus Holz gebaut und mit Stroh gedämmt. An den Fassaden kommen ebenfalls Naturmaterialien und recycelte Baustoffe zum Einsatz.

An den Fassaden kommen neben Holz auch Schilf, Hanffasern, Kalk und recyceltes Aluminium zum Einsatz. Viele Dächer sind mit Schilf- oder Holzschindeln gedeckt, während Gründächer, kombiniert mit Solaranlagen, nicht nur Energie produzieren, sondern auch der lokalen Biodiversität auf die Sprünge helfen.

Ein Haus für Mensch und Fledermäuse

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft – oft zitiert, selten konsequent umgesetzt – zieht sich hier wie ein roter Faden durch den Entwurf. Das beginnt buchstäblich im Boden: Die Fundamente bestehen aus recyceltem Beton und Kies. Die Tragwerksstrukturen sind modular und flexibel konzipiert, sodass sie künftigen Anpassungen nicht im Wege stehen, sondern sich mit den Bedürfnissen der Bewohner verändern können.

The Erven, Hoofddorp, Amsterdam, White Arkitekter, Holzbau, Stroh
In jedem der vier Höfe befindet sich ein sogenannter Ecozolder – ein Dachboden, in den lokale Vogel- und Fledermauspopulationen einziehen können.

White Arkitekter und ihre Partner denken bei dem Entwurf über den menschlichen Horizont hinaus. In einer Zeit, in der der Artenschwund fast so bedrohlich ist wie der Klimawandel, muss Architektur auch Lebensraum für Tiere bieten. Ein charmantes Detail des Entwurfs ist der sogenannte Ecozolder – ein Dachboden, der speziell für lokale Vogel- und Fledermauspopulationen in jedem der vier Höfe integriert wurde. Hier zeigt sich eine Haltung und ein neuer Ansatz in der gebauten Umwelt von heute: Der Mensch rückt ein Stück zur Seite und macht Platz für seine Mitgeschöpfe.

Mit diesem Projekt in Hoofddorp schließt sich ein Kreis. Was mit dem traditionellen Bauernhof begann, wurde durch die Industrialisierung verdrängt und kehrt nun, angereichert mit modernem Ingenieurswissen, als zukunftsfähiges Modell zurück. Wenn wir künftig in Häusern wohnen, die aus Holz und Stroh gebaut sind, in denen Vögel unter dem Giebel nisten und Nachbarn sich wieder im Hof begegnen, dann haben wir vielleicht endlich verstanden, was Fortschritt wirklich ist.

Text: Gertraud Gerst
Visualisierungen: White Arkitekter / WAX

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