
Inklusiv ist das neue Exklusiv
In der Schweiz ist ein Vorzeigeprojekt für inklusives Wohnen und Arbeiten entstanden. Im Borna Park geht das barrierefreie Bauen weit über das rein Pragmatische hinaus. Holz, Licht und Natur schaffen ein therapeutisches Umfeld mit hohem ästhetischem Anspruch.
Waren Architektur und Raumdesign lange Zeit auf den Durchschnittsbenutzer ausgerichtet, will man heute möglichst inklusive Räume schaffen. Das heißt Räume, in denen sich auch Menschen zurechtfinden und wohlfühlen, die nicht dem Durchschnitt entsprechen. Barrierefreiheit und inklusives Arbeitsplatzdesign sind zum neuen Standard geworden, und das nicht nur im öffentlichen Bereich. Spätestens seit Big-Tech-Unternehmen wie SAP, Microsoft und Hewlett Packard die speziellen Fähigkeiten von Menschen im Autismusspektrum für sich entdeckt haben, legt man besonderen Wert auf reizarme Umgebungen und eine klare Erschließung. Wie es gelingen kann, Wohnen und Arbeiten für Menschen mit Beeinträchtigung optimal zu verschränken, zeigt ein aktuelles Projekt aus der Schweiz. Es trägt den Namen Borna Park und liegt in der Gemeinde Rothrist.

Das von Malte Kloes Architekten konzipierte Ensemble besteht aus zwei Hauptgebäuden, die als Solitäre frei im Gelände stehen. Anstatt auf ein einziges großes Volumen, setzten die Planer auf die örtliche Trennung von Wohnbereich und Werkstätten. Auf diese Weise kommen die Bewohner auf ihrem Arbeitsweg tagtäglichen in Kontakt mit der Natur.
Natur, in den Alltag integriert
Zwischen den beiden Gebäuden liegt nämlich ein eigens konzipierter Park, der nicht auf starre Verbindungsachsen setzt. Anstatt den kürzesten Weg von A nach B zu beschreiben, bilden die sanft geschwungenen Pfade einen mäandernden Spazierweg, der Natur und Bewegung in den Alltag der Menschen integriert.

„Für die Bewohnerinnen und Bewohner ist der Weg zwischen Wohnhaus und Werkstatt nicht nur ein wichtiger Teil ihrer täglichen Routine, sondern bietet jeden Tag neue Sinneseindrücke durch Wetter und Natur“, wie das Büro diese bewusste Intervention beschreibt.
Die Natur bietet mehr als nur eine Kulisse – sie wird zur Identität der Wohn- und Arbeitsgemeinschaft.
Malte Kloes Architekten
Borna Park schafft durch die Einbeziehung der Natur ein sicheres und unterstützendes Umfeld für die Menschen, die dort leben. Das Grundstück ist von Wiesen und offenen Feldern umgeben, und ganz in der Nähe verläuft der Pfaffnerenbach, der von einer wilden Aulandschaft gesäumt ist.

Diese umgebende Landschaft wollten die Planer mithilfe biophiler Designstrategien dem Projekt einverleiben. „Die Natur bietet mehr als nur eine Kulisse – sie wird zur Identität der Wohn- und Arbeitsgemeinschaft.“
Bauen mit Naturmaterialien
Mittlerweile gilt es als gesichert, dass eine Verbindung zur Natur in den Räumen das körperliche und geistige Wohlergehen steigert. Neben natürlichem Tageslicht und Zugang zu Grünräumen kommt auch der Wahl der Baumstoffe eine wichtige Rolle zu. Deshalb sind biobasierte Materialien sehr oft Teil des natur- und menschenzentrierten Ansatzes, so auch bei diesem Bauprojekt.
Die Werkstatthalle ist ein konstruktiver Holzbau, der sich in drei funktionale Segmente gliedert. Eine zweigeschossige Lagerhalle, die an einer Seite eine Art Atrium bildet, ist das verbindende Herzstück des Gebäudes.


Der hohe Luftraum und das viele Tageslicht, das durch die Oberlichtbänder fällt, lässt einen ansprechenden Raum entstehen. Die Erschließung über eine skulpturale Wendeltreppe schafft vielfältige Blickbezüge und vermittelt zwischen den einzelnen Werkstattbereichen.
Klimafreundlicher Gewerbebau
Im Inneren offenbart sich das Tragwerk aus Baubuche und verbindet eine unverfälschte Werkraum-Ästhetik mit der weichen Haptik des Holzes. Zusammen mit der offen geführten Gebäudetechnik schafft es „einen direkten und zugleich kraftvollen Ausdruck“, wie es in der Projektbeschreibung heißt. Großzügige Verglasungen sorgen für eine Zonierung, während die Räume zugleich transparent bleiben und das Licht ungehindert fließen lassen.

Ein markantes Sheddach flutet die Halle und das Obergeschoss mit Tageslicht und trägt eine Photovoltaikanlage von der Größe eines Fußballfeldes.
Malt Kloes Architekten
Über den Werkräumen hebt und senkt sich das Zickzack des Sägezahndachs. Eine Reminiszenz an die industrielle Bautradition, das jedoch mit einem zukunftsweisenden Mehrwert ausgestattet wurde. „Ein markantes Sheddach flutet die Halle und das Obergeschoss mit Tageslicht und trägt eine Photovoltaikanlage von der Größe eines Fußballfeldes“, so die Architekten. Die hohe Funktionalität des Gebäudes ergibt zusammen mit der energetischen Selbstversorgung ein Vorzeigebeispiel für den klimafreundlichen Gewerbebau.
Sozial und ökologisch verantwortlich
Derselbe Anspruch an Transparenz und biophilem Raumdesign setzt sich im Wohngebäude fort, das aus zwei verbundenen Baukörpern besteht.

Dass dieser großteils mineralische Bau auch Wärme vermittelt, liegt an den durchgehenden Eichenholzeinbauten. Zusammen mit den geschliffenen Betonböden ergibt sich eine ruhige Farbpalette, die eine Wohnlichkeit und Behaglichkeit erzeugt.
Borna Park ist ein durchdachtes Gesamtkonzept und zeigt, dass barrierefreies Bauen kein Abhaken der Bauvorschriften sein muss. Vielmehr ist eine Architektur entstanden, die durch gezielte Interventionen zum therapeutischen Instrument wird. Durch die stringente Gestaltung ist sie obendrein von höchstem ästhetischen Anspruch. Ein Konzept, das den Kreis der sozialen und ökologischen Verantwortung in vorbildlicher Weise schließt.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Karina Castro