
Eine Beamtenburg auf Augenhöhe
Das neue Verwaltungsgebäude Sièges intercommunal in Lothringen ist ein Vorzeigeprojekt für das nachhaltige Bauen. Der konstruktive Holzbau wurde mit 18.000 Lehmziegeln aus lokaler Erde errichtet – in einem gemeinschaftlichen Kraftakt der Bewohner.
Die Gemeinde Neuves-Maisons, einem Vorort der französischen Stadt Nancy, hat eine Entwicklung erlebt, wie sie für städtische Randgebiete typisch ist. Die günstige Lage an der Mosel und die Förderung von Eisenerz in der Minette-Region haben zu einer starken Industrialisierung geführt. Die Stadt hat sich seit 1872 um das große Stahlwerk herum entwickelt, das lange Zeit das wirtschaftliche und soziale Zentrum der Gemeinde bildete. Seit den 1990er-Jahren gibt es immer wieder Initiativen, den Industriestandort inmitten der naturnahen Flusslandschaft aufzuwerten und Industriebrachen zu renaturieren.

In den letzten Jahren begann ein groß angelegtes Stadtumbauprojekt, dessen architektonisches Aushängeschild Sièges intercommunal ist, der neue Verwaltungssitz von Moselle et Madon.
Er ist für den Verband von 19 Gemeinden und rund 30.000 Einwohnerinnen und Einwohner zuständig. Seine Verlegung an den Stadtrand, mitten ins Gewerbe- und Einkaufsgebiet, markiert den angepeilten strukturellen Wandel. Der ästhetisch und ökologisch anspruchsvolle Neubau gilt als Vorbote eines lebendigen neuen Stadtteils. Wohnbauprojekte, Schulen und Sportanlagen sollen dem engagierten Verwaltungsbau folgen.
Robust und nahbar zugleich
Das Baufeld liegt direkt am Flussufer und ist strategisch gut erreichbar, da sich auf dem Areal auch der städtische Busterminal befindet.

„Wir sahen in dieser Aufgabe die Gelegenheit, das industriell verbaute Moselufer wiederherzustellen, Kraftachsen neu zu entdecken, eine Landschaft aufzuwerten und eine Erzählung zu formulieren“, heißt es vonseiten der Architekten Aurélie Husson und Benoît Sindt.
Wir sahen in dieser Aufgabe die Gelegenheit, das industriell verbaute Moselufer wiederherzustellen und eine Erzählung zu formulieren.
Aurélie Husson und Benoît Sindt, Architekten
Sie sind Teil des Architekten-Kollektivs Studiolada aus Nancy, das viel Erfahrung mit öffentlichen Bauprojekten und stadtplanerischen Interventionen mitbringt. Der Verödung des Stadtkerns von Saint-Dizier sind sie beispielsweise mit dem Bau einer neuen Markthalle begegnet.

Der kompakte, dreigeschossige Baukörper vermittelt zwischen den Industriebauten auf der einen und den bewaldeten Hügeln auf der anderen Seite. Mit seinem roten Ziegeldach und den drei aufgesetzten Kuppeln stellt er außerdem eine Verbindung zur Kirche und zum Stadtzentrum her.

Der große Dachüberstand und die Lochfassade vermitteln durchaus behördlichen Charakter, während die strukturierte Außenhülle aus Holz das Gebäude nahbar macht. Es vermittelt Stabilität, ohne eine hochgeschlossene oder autoritäre Wirkung auszustrahlen.
18.000 Lehmziegel aus der Feldfabrik
Die drei pyramidenförmigen Kuppeln auf dem Dach sind eine Referenz an den für die Region typischen flämischen Baustil. Diese mit Tonziegel gedeckten Schächte bringen sowohl Tageslicht als auch Frischluft ins Innere der kommunalen Verwaltung. Zugleich wirken sie wie Reiter in einem Aktenschrank, die auf die Materialität und Bauweise des Gebäudes verweisen. Während das primäre Tragwerk aus Fichtenholz besteht, sind die nichttragenden Wände aus ungebrannten Lehmziegeln gebaut.

Diese Lehmmauern dienen als thermische Masse, die im Sommer für natürliche Kühlung sorgt und im Winter Wärme speichert. Zusammen mit den Kuppeln regulieren sie ohne große Technik das Klima im Gebäude und machen eine Klimaanlage überflüssig.
Architektur für den Menschen
Für die Bürger des Verwaltungsbezirks entsteht damit eine sehr hohe Identifikation mit ihrer neuen Vertretung. Damit unterscheidet sich seine Wirkung deutlich von den unnahbaren Beamtenburgen der Vergangenheit. „Das Projekt zielt darauf ab, die ästhetische Komposition der Materialien und ihren achtsamen Einsatz zum Ausdruck zu bringen“, heißt es dazu in der Projektbeschreibung.

Das Projekt basiert auf dem bereits Vorhandenen, auf einer einfachen und verständlichen Baukultur, die für alle nachvollziehbar ist.
Aurélie Husson und Benoît Sindt, Architekten
Aber auch in den Räumlichkeiten selbst vermitteln die natürlichen Baustoffe eine sehr warme und behagliche Atmosphäre. Das zeigt, dass sich die Architektur heute auch im öffentlichen Sektor immer stärker dem Menschen und der Natur annähert.
Bei der offen zutage tretenden Konstruktion und Materialität im Inneren entfaltet sich laut den Architekten ein verbindendes Narrativ: „Das Projekt basiert auf dem bereits Vorhandenen, auf einer einfachen und verständlichen Baukultur, die für alle nachvollziehbar ist.“
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Ludmilla Cerveny