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Ein Prunksaal aus Holz
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Ein Prunksaal aus Holz

An der englischen Universität Cambridge haben sich Feilden Fowles Architects an einer Neuinterpretation der berühmten gotischen Speisesäle versucht. Das Ergebnis – die Homerton College Dining Hall – sorgt mit einem Schmetterlingstragwerk aus Edelkastanie für zeitgemäße Feierlichkeit.

Wer die ehrwürdigen Pfade der Universität von Cambridge beschreitet, dem weht unweigerlich der schwere Atem der Geschichte entgegen: dunkles Eichenholz, gotische Spitzbögen und tonnenschwerer Kalkstein. Doch im Süden der Stadt, auf dem weitläufigen Areal des Homerton College, hat das britische Architekturbüro Feilden Fowles eine moderne Antwort auf die in Großbritannien charakteristische Typologie der Dining Hall gefunden. Dabei handelt es sich traditionell um prunkvolle gotische Speisesäle mit hohen Decken und edler Wandtäfelung. Sie wurden konzipiert, um das gemeinsame Essen zu einem erhebenden sozialen Erlebnis zu machen und haben mit gängigen Uni-Mensen nur wenig gemeinsam. Die Homerton College Dining Hall schreibt diese Tradition räumlicher Grandezza in moderner Holzbauweise fort.

Homerton College Dining Hall, Cambridge, Fielden Fowles Architects, Großbritanninen, Holzbau
Das Tragwerk besteht aus Brettschichtholz, das aus Edelkastanie gefertigt wurde.

Die prägnante Dachkonstruktion schafft eine Form, die das traditionelle Satteldach auf den Kopf stellt. „Das Hauptmerkmal der Halle, eine Schmetterlingskonstruktion aus Edelkastanien-Brettschichtholz, knüpft an traditionelle Hochschulhallen an, kehrt die typische Sattelform jedoch in ein Trogdach um“, wie es das Büro Feilden Fowles formuliert.

Die Dining Hall soll nicht der einzige Holzbau am Campus bleiben. Ein dreistöckiger Eingangspavillon ist derzeit in Planung und soll ebenfalls aus Holz gebaut werden.

Ein Schuppenpanzer aus 3.200 Fliesen

Schon aus der Ferne zieht der charakteristische Neubau die Blicke auf sich. Wie ein schimmernder Vorhang legt sich die Fassade aus 3.200 grün changierenden Fayence-Fliesen um den Baukörper. Die Wahl der Farbe ist dabei kein Zufall. Sie zitiert die oxidierten Kupferelemente der historischen Great Hall ebenso wie die Blätter des angrenzenden Apfelhains.

Homerton College Dining Hall, Cambridge, Fielden Fowles Architects, Großbritanninen, Holzbau
Mit seiner gewellten Fassade und den grün changierenden Fliesen wirkt der Neubau wie ein organischer Körper.

Hier zeigt sich ein Prinzip, das man oft in der Natur findet: Das äußere Antlitz ist nicht bloß schützende Hülle, es kommuniziert auch mit seiner Umgebung. Das Gebäude wirkt wie ein organischer Körper, der mit seinem Sockelgeschoss aus rotbraun-pigmentiertem Beton im Boden verankert ist. Darüber wächst der Holzbau in seinem grünen, sanft geschwungenen Keramikkleid empor und verjüngt sich nach oben hin. 

Revival der Arts and Crafts-Bewegung

Diese glasierten Keramikfliesen sind kein Produkt von der Stange, sondern eine individuelle Maßanfertigung speziell für dieses Bauwerk. Digital modelliert nach parametrischem Design schmiegen sich die Fliesen perfekt an die Form der Halle an. Die Architekten sprechen in diesem Zusammenhang von „Arts and Crafts des 21. Jahrhunderts“. 

Homerton College Dining Hall, Cambridge, Fielden Fowles Architects, Großbritanninen, Holzbau
Der Holzbau ruht auf einem Sockelgeschoss aus rotbraun-pigmentiertem Beton.

Die Architektur zelebriert die Integrität und die ureigene Ästhetik der Materialien und der Handwerkskunst.

Feilden Fowles Architects

Diese englische Reformbewegung entstand ursprünglich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und lieferte einen handwerksbezogenen Gegenentwurf zur industriellen Massenproduktion. Mit der Verknüpfung von traditioneller Handwerkskunst und modernster Technologie, wie sie die Architektur heute hervorbringt, kann man von einem Revival der Bewegung sprechen.

Homerton College Dining Hall, Cambridge, Fielden Fowles Architects, Großbritanninen, Holzbau
Ein sogenannter „Buttery“-Bereich mit informellen Begegnungs- und Lernzonen erweitert die Dining Hall.

Von den Architekten heißt es dazu: „Die Architektur zelebriert die Integrität und die ureigene Ästhetik der Materialien und der Handwerkskunst. Dabei ist die Ornamentik ein Produkt der natürlichen Schönheit und Imperfektion des Handgefertigten.“

Ein Tragwerk aus Edelkastanie

Der Neubau für das jüngste und mittlerweile größte College von Cambridge umfasst einen Speisesaal, Küchen, Personalräume und einen sogenannten „Buttery“-Bereich für informelle Begegnungen. Flankiert wird er auf dem 3.000 Quadratmeter großen Gelände vom Ibberson Building im Arts-and-Crafts-Stil sowie von Bauwerken in viktorianischer Neugotik.

Während viele traditionelle Colleges in massiver Eiche gehalten sind, wählten Feilden Fowles und die Ingenieure von Structure Workshop ein ungewöhnliches Material für das Tragwerk: die Edelkastanie.

Homerton College Dining Hall, Cambridge, Fielden Fowles Architects, Großbritanninen, Holzbau
Flankiert wird das Gebäude auf dem 3.000 Quadratmeter großen Gelände vom Ibberson Building im Arts-and-Crafts-Stil sowie von Bauwerken in viktorianischer Neugotik.

Das Holz, bezogen aus nachhaltig bewirtschafteten Niederwäldern, wurde zu Brettschichtholz verarbeitet und den Konstruktionsplänen entsprechend vorgefertigt.

Cafeteria trifft Bankettsaal

Die prägnante Dachkonstruktion und die an gotische Sakralbauten erinnernden Obergadenfenster schaffen im Inneren der Dining Hall eine Atmosphäre von Wärme, Klarheit und Großzügigkeit. Das Schmetterlingstragwerk öffnet den Raum nach außen hin und sorgt dafür, dass er stützenfrei überspannt wird. Die Wände sind mit amerikanischer Esche ausgekleidet, deren silbrig-helle Töne das einfallende Licht sanft reflektieren. 

In der Nacht kehrt sich der Lichtfluss ebenso um wie die Stimmung. Wenn das Gebäude nach Sonnenuntergang zum Leuchtkörper am Campus wird, verwandelt sich die Studenten-Cafeteria in einen feierlichen Bankettsaal. Zeremonielle Dinner für bis zu 336 Personen werden hier ausgerichtet und setzen die Tradition der universitären Dining Hall fort.

Homerton College Dining Hall, Cambridge, Fielden Fowles Architects, Großbritanninen, Holzbau
Untertags herrscht Kantinenbetrieb, abends finden in der Halle zeremonielle Dinner statt.

Reine Holzverbindungen

Was dieses Projekt zudem auszeichnet, ist die Rückbesinnung auf das traditionelle Zimmererhandwerk. Anstatt die Holzkonstruktion durch Stahlplatten und Bolzen zusammenzuhalten, suchte das Team nach einer anderen Lösung. In enger Zusammenarbeit mit den Spezialisten von Constructional Timber wurden traditionelle Holzverbindungen entwickelt, die allein durch Zapfen und Eichendübel fixiert sind.

Dieser Verzicht auf Metall ist nicht nur eine ästhetische Entscheidung, sondern auch ein Bekenntnis zu Baukultur und Zirkularität. Durch die sortenreine Holzkonstruktion lässt sich das Gebäude am Ende seiner auf 100 Jahre ausgelegten Lebensdauer leichter rückbauen und wiederverwerten.

Lernen von der Natur

Ebenso beeindruckend wie die Formensprache der Homerton Dining Hall ist ihre ökologische Bilanz. Als fossilfreies Gebäude, das auf Erdwärme und passive Belüftung setzt, unterschreitet es die strengen Klimaziele der RIBA 2030 Challenge. 

Homerton College Dining Hall, Cambridge, Fielden Fowles Architects, Großbritanninen, Holzbau
Wie ein schimmernder Vorhang legt sich die Fassade aus 3.200 grün changierenden Fayence-Fliesen um den Baukörper.

Die Kombination aus emissionsreduzierter Bauweise und hoher operativer Effizienz macht es zu einem Leuchtturmprojekt für den modernen Bildungsbau.

Feilden Fowles hat ein Bauwerk geschaffen, das zeigt: Wenn wir von der Natur lernen – von ihrer Materialeffizienz, ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer Schönheit – dann schaffen wir Räume, die über Generationen hinweg bestehen und inspirieren. Genauso wie es die historischen Universitätsgebäude in Cambridge seit Jahrhunderten tun.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Jim Stephenson, David Grandorge

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