
Ein neues Siegel für gesunde Gebäude
Nach dem energieeffizienten und dem emissionsarmen Bauen kommt nun das allergikerfreundliche Bauen. AFBA, das erste medizinische Siegel für Gebäude, bewertet die Schadstoffkonzentration in Innenräumen. Dies soll nicht nur Allergiker, sondern auch die Wirtschaft entlasten. In München entsteht unter diesem Aspekt ein erstes Musterprojekt: Timber Living.
Wenn im Frühjahr die Hochsaison des jährlichen Pollenflugs beginnt, rüstet sich ein wachsender Teil der Bevölkerung gegen die allergischen Reaktionen. Während die Apotheken Hochkonjunktur haben, kostet der Heuschnupfen die Wirtschaft jedes Jahr viel Geld. Die Europäische Stiftung für Allergieforschung schätzt den Schaden auf mehr als 100 Milliarden Euro pro Jahr. Allein in Deutschland soll die Pollenallergie zu Fehlzeiten von fast einer Million Arbeitstage führen, so eine aktuelle Studie. Seit den 1990er-Jahren haben allergische Erkrankungen stark zugenommen und gelten heute als Volkskrankheit, von der in Deutschland etwa jeder Dritte betroffen ist.
Während sich die Lebensmittel-, Kosmetik- und Pharmaindustrie längst darauf eingestellt haben, hinkt die Bauwirtschaft dieser Gesundheitsfrage bislang hinterher. Und das, obwohl der Mensch zwischen 80 und 90 Prozent seines Lebens in Gebäuden verbringt.
Strengere Regelung bei Baustoffen
Ob im Büro, in der Schule, im Hotel oder in den eigenen vier Wänden – Experten zufolge kann man davon ausgehen, dass die Luft in Innenräumen stärker belastet ist als die Luft draußen. Laut Weltgesundheitsorganisation sind die Schadstoffkonzentrationen bis zu 30 Mal so hoch.

Verantwortlich dafür sind flüchtige organische Verbindungen (VOC), Formaldehyd, Weichmacher und Biozide, die aus Baumaterialien, Farben, Klebern, Bodenbelägen und Möbeln ausgasen. Sie reizen die Schleimhäute, schwächen das Immunsystem und befeuern allergische Reaktionen.
Dass Gebäudezertifizierungen Energieeffizienz, Treibhauspotenzial, Ressourcenschonung, Raumklima, Barrierefreiheit und die öffentliche Anbindung bewerten, ist heute gelebte Praxis. Zwar wurde bei Gebäudesiegeln meist auch die Schadstoffbelastung von Baustoffen miteinbezogen, doch bis 2018 fehlte es an einer EU-weit einheitlichen Bewertungsmethode. Und erst seit die überarbeitete Bauprodukteverordnung der EU (CPR) mit Anfang 2026 in Kraft getreten ist, wird den gesundheitlich problematischen Stoffen in Gebäuden systematisch der Kampf angesagt.
Erstes medizinisches Siegel für Gebäude
Mit dieser Entwicklung tritt eine neue Zertifizierung auf den Plan, die sich AFBA nennt – Allergy Friendly Buildings Alliance. Es handelt sich nach Angaben des Unternehmens um das weltweit erste medizinische Qualitätssiegel für Gebäude und Quartiere. Eine AFBA-Zertifizierung soll herkömmliche Siegel wie DGNB, LEED oder WELL ergänzen. Werden wir also künftig in sterilen Wohn- und Arbeitsumgebungen leben?

Es geht nicht darum, Reinräume zu schaffen, sondern die häufigsten Auslöser von Allergien möglichst loszuwerden. Das nutzt Allergikern, aber auch Gesunden.
Carsten Schmidt‒Weber, AFBA Advisory Board
„Ein Büro ohne Allergene wird es nicht geben, und das wollen wir auch gar nicht. Es geht nicht darum, Reinräume zu schaffen, sondern die häufigsten Auslöser von Allergien möglichst loszuwerden. Das nutzt Allergikern, aber auch Gesunden“, sagt Carsten Schmidt‒Weber, Institutsleiter des Zentrums für Allergie und Umwelt ZAUM. Als einer der Experten für Immunologie ist er Teil des AFBA Advisory Boards.
Allergiesiegel als Standortfaktor
Tatsächlich ist es gerade das energieeffiziente Bauen, das die Schadstoffe in Innenräumen erhöhen kann. Das liegt hauptsächlich an der hohen Luftdichtheit der Gebäudehülle, die man bei modernen Energiestandards heute anstrebt. Dies minimiert den Wärmeverlust, unterbindet aber gleichzeitig den natürlichen Luftaustausch, den Ritzen und Fugen sonst übernehmen. „Wir sehen beim Thema Allergiefreundlichkeit ein strukturelles Versäumnis der Bau- und Immobilienbranche“, sagt Christian Berger, Vorsitzender der Geschäftsführung bei UBM Development Deutschland.

Der Immobilienentwickler mit Hauptsitz in Wien hat die Marktlücke von allergikerfreundlichen Gebäuden erkannt. Er setzt bei seinen Wohn- und Büro-Projekten hauptsächlich auf Holz-Hybrid-Bauweise und möchte nun auch das Thema Allergene zum wichtigen Standortfaktor machen. Das Wohnprojekt Timber Living, das derzeit im Münchner Stadtteil Berg am Laim entwickelt wird, ist von der AFBA bereits vorzertifiziert.
Dass schlecht gebaute Gebäude krank machen können, ist mittlerweile wissenschaftlich belegt.
Christian Berger, Vorsitzender der Geschäftsführung bei UBM Development Deutschland
„Dass schlecht gebaute Gebäude krank machen können, ist mittlerweile wissenschaftlich belegt“, so Berger. Naturbaustoffe wie Holz hingegen sind nachweislich gesundheitsfördernd, was unter anderem das Forschungsprojekt HOMERA der Technischen Universität München bestätigt. Den Auswertungen zufolge wirkt sich Holz positiv auf Raumklima, Stresslevel, Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und das Immunsystem aus.
Inhaltsstoffe und Pflanzen im Fokus
Wie macht man also ein Gebäude allergikertauglich? „Oft geht es lediglich um den Austausch von Produkten, etwa Innenfarben mit problematischen Konservierungsstoffen oder Lösemitteln. Zunächst ist es wichtig, das Thema überhaupt zu erkennen und im Planungsprozess ein Bewusstsein dafür zu schaffen“, erklärt Berger. Auch korrekt dosierte, duftstoffarme Reinigungsmittel könnten laut AFBA-Gründerin Angela Balatoni für sensible Menschen oft ein Gamechanger sein.

Obwohl es naheliegend scheint, ist das Thema auch bei der Bepflanzung der Grünflächen bislang noch nicht angekommen. Aspekte wie Pollenintensität werden bei der Landschaftsplanung nur selten berücksichtigt. Dabei könnten dadurch auch Wartungskosten sinken, wie Balatoni betont. Denn: Wenn man die künftige Pollenbelastung der Außenluft beim Pflanzkonzept mitdenkt, verschmutzen Filter von Lüftungsanlagen weniger stark.
Für Unternehmen können allergikerfreundliche Gebäude die krankheitsbedingten Ausfälle reduzieren, während den Mitarbeitern ein gesunder Arbeitsplatz winkt. Balatoni ist überzeugt: „Gesundheit wird im Kontext von ESG-Anforderungen weiter an Bedeutung gewinnen.“ Und das würden auch institutionelle Anleger erkennen, so Berger. „Gesundheit galt lange als ,Soft Factor‘ und entwickelt sich zum harten Investmentkriterium.“
Visualisierungen: UBM Development / Bloomimages