
Ein Holzbau zieht weite Kreise
Er zählt zu den 20 wichtigsten Architekturprojekten, die das Jahr 2026 bringt, und ist ist ein Holzbau der Superlative: Dorte Mandrups Crafts College im dänischen Jütland wurde offiziell eröffnet und ist ein gebautes Zeugnis für die neue Handwerksbewegung.
Die letzten Jahrzehnte waren von einem deutlichen Rückgang der handwerklichen Berufe gekennzeichnet. Gutes Handwerk erfordert ein hohes Maß an Knowhow, das mit der Pensionierungswelle einer alternden Gesellschaft schwindet. Das massive Nachwuchsproblem schlägt sich in einem Fachkräftemangel nieder, der immer mehr zum Hemmschuh der Wirtschaft wird. Mangelnde Innovation und Produktivität verlangsamen letztlich auch die Energie- und Bauwende. War die Arbeit mit den Händen lange Zeit nicht so angesehen wie akademische Berufe, lässt sich langsam eine Trendwende feststellen. Das Handwerk feiert ein stilles Comeback und manche Architekten sprechen sogar vom „Arts and Crafts des 21. Jahrhunderts“.

Dass handwerkliches Arbeiten sinnstiftend ist und glücklich macht, wurde mittlerweile in zahlreichen Studien bestätigt. Handwerker sind im Großen und Ganzen zufriedener und gesünder als der Bevölkerungsdurchschnitt. Zusätzliche Initiativen zielen darauf ab, die Attraktivität von Lehrberufen zu stärken. Dazu zählt auch der mit Spannung erwartete Bau für das neue Crafts College in der dänischen Stadt Herning. Für die neue Ausbildungsstätte samt Wohnheim engagierte man nämlich niemand Geringeren als die dänische Star-Architektin Dorte Mandrup.
Ein Gebäude als Lehrbuch
Der elliptische Holzbau, über dessen Entwurf wir HIER bereits berichtet haben, wurde Ende 2025 offiziell eröffnet. Das Gebäude bietet Wohneinheiten für über 70 junge Menschen, ebenso wie Werkstattbereiche und vielfältige Gemeinschaftsräume.

Wenn Dorte Mandrup im Zusammenhang mit dem Bauwerk von einem „lebendigen Lehrbuch“ spricht, dann meint sie die besondere Bauweise. Alle Konstruktionen und Materialien sind offen ablesbar und lassen handwerkliche Techniken erkennen, die tief in der Tradition verwurzelt sind.
Form und Materialität dienen sowohl als didaktische Mittel als auch als Rahmen für Gemeinschaftsbildung und gegenseitige Unterstützung.
Dorte Mandrup, Architektin
Die Verbindungen sind als „tektonisch verdeutlichte Fugen“ ausgebildet, die Teil der Ornamentik sind und die Logik der Konstruktion offenbaren. Dies soll ein Verständnis für die Handwerkskunst fördern, das über die reine Ästhetik hinausgeht.


„Ein wichtiger Aspekt des Entwurfs ist die Ehrlichkeit in der Materialität. Die verwendeten Materialien können in ihrem natürlichen, unverfälschten Zustand erlebt und so zu Quellen der Inspiration und des Wissens werden. Auf diese Weise dienen Form und Materialität sowohl als didaktische Mittel als auch als Rahmen für Gemeinschaftsbildung und gegenseitige Unterstützung zwischen den verschiedenen Handwerken“, so die Gründerin und Kreativdirektorin des Büros Dorte Mandrup Arkitekter.
Eine Million recycelte Ziegel
Ein besonderes Augenmerk lag auf der Langlebigkeit und Zirkularität der Materialien. Neben dem vorrangig im Tragwerk eingesetzten Holz kommen Schiefer, Granit und über eine Million recycelte Ziegel zum Einsatz. Diese Ziegel, die Wände und Fußböden bilden, bringen ein erzählerisches Element in die Architektur. Sie tragen „sichtbare Spuren von Abnutzung, Mörtelrückständen und Farbe“ und vermitteln damit Geschichte und Identität. Etwas, das ein steriler Neubau sonst niemals hinbekommt.

Offenheit nach innen und außen
Die architektonische Formensprache übersetzt den Gemeinschaftsgedanken direkt in gebauten Raum. Die elliptische Form umschließt einen zentralen Innenhof, der als geschütztes Refugium gegen die rauen Winde des Heidelands fungiert. Der Freiraum in der Mitte des ringförmigen Gebäudes hat viele Funktionen: Mit seiner Vegetation schafft er eine Brücke zur Naturlandschaft des angrenzenden Lillelund Engparks und dient den Nutzern als naturnaher Erholungsraum. Zugleich bildet er ein Retentionsbecken, das bei starken Regenfällen das Wasser aufnimmt und vor Überschwemmungen schützt.
Es sind die Handwerker, die die Visionen von Architekten in ikonische Gebäude verwandeln.
Kristian May, CEO Fonden for Håndværkskollegier
Das Projekt wurde als eines von 20 weiteren mit dem Holcim Foundation Award ausgezeichnet.
Dieser internationale Preis wird an Bauprojekte vergeben, die zu nachhaltigem Bauen und der Transformation des Bausektors beitragen.

Vier große Öffnungen verbinden das Gebäude mit seiner Umgebung und der Stadt Herning. Auch wenn das Crafts College in erster Linie den Schülern und Ausbildenden dient, soll es einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sein.
Dazu bietet die berufsbildende Einrichtung auch Workshops und öffentliche Veranstaltungen an, die ein breitgefächertes Publikum anziehen. So will man den Dialog über Handwerk und Bildung auch nach außen tragen.
Ohne Handwerker keine Architektur
Die große Bedeutung, die das Handwerk für die Architektur hat, unterstreicht nicht nur die Architektin, sondern auch die Bauherrschaft. „Es sind die Handwerker, die die Visionen von Architekten in ikonische Gebäude verwandeln und große wie kleine Projekte für den Alltag der Dänen realisieren. Wir brauchen qualifizierte Handwerker – heute und in Zukunft“, betont Kristian May, CEO der Stiftung Fonden for Håndværkskollegier.

Mit dem Standort in Herning ist nun die zweite von drei geplanten Berufsschulen der Stiftung fertiggestellt worden. Ziel der Bauherrschaft ist es, die Handwerker von morgen in einem Umfeld auszubilden, das ihrer Arbeit den gebührenden Respekt zollt. Davon zeugt nicht nur eine Schule, die aus der Feder einer Star-Architektin stammt.
Die Wertschätzung erfahren die Auszubildenden auch in Form der bereitgestellten Unterkünfte, die denen eines exklusiven Aparthotels in nichts nachstehen. „Wir möchten jungen Auszubildenden zeigen, dass ihr Beruf attraktiv und angesehen ist, indem wir ihnen Wohnungen von höchster handwerklicher Qualität bieten, die sie beruflich inspirieren sollen“, so May. Der Kampf um die begehrten Nachwuchstalente von morgen hat damit die besten Voraussetzungen bekommen.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Adam Mørk