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Die erste klimaneutrale Moschee Europas
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Die erste klimaneutrale Moschee Europas

In Großbritannien steht eine Moschee, die mit ausdrucksstarkem Holzbau, klimaneutralem Betrieb und frauenfreundlicher Architektur jede Menge Auszeichnungen erhielt. Die Cambridge Central Mosque gilt als erste „Öko-Moschee“ Europas und als inklusiver Ort der Gemeinschaft.

Dekorative Flächen mit geometrisch konstruierten Mustern sind Teil der bildenden Kunst vieler Kulturen. In der islamischen Welt erreichte diese Form der Ornamenttradition allerdings eine besondere Meisterhaftigkeit. Architektonischen Ausdruck fand sie zum Beispiel in Wandgemälden und geschnitzten Holzreliefs, die auch heute noch Paläste, Moscheen, Wohnräume und Badehäuser zieren. Diese geometrischen Muster werden oft mit tieferen philosophischen und spirituellen Bedeutungen in Verbindung gebracht. So sollen sie etwa Einheit, Unendlichkeit und die Verbundenheit mit dem Universum ausdrücken. Die Übersetzung dieser Ornamentik in eine tragende Holzbauweise ist der interdisziplinären Verschränkung von parametrischem Design, digitaler Fertigung und traditionellem Holzhandwerk zu verdanken. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Cambridge Central Mosque nach den Plänen von Marks Barfield Architects.

Cambridge Central Mosque, Marks Barfield Architects, Holzbau, Moschee
Das Holztragwerk der Cambridge Central Mosque ist an gotische Fächergewölbe angelehnt.

Wir ließen uns von islamischen und englischen Traditionen religiöser Architektur inspirieren.

Marks Barfield Architects

An der belebten Mill Road, einem multikulturellen Stadtteil im Südosten von Cambridge, schlägt die Moschee eine Brücke zwischen den Kulturen. „Wir wollten keine Replik oder Kopie von etwas schaffen, das es anderswo bereits gibt“, erklärt Architekt David Marks. „Die Möglichkeit, etwas Englisches, Britisches zu schaffen, hat uns begeistert. Jetzt, da es eine bedeutende muslimische Gemeinde gibt, ist es an der Zeit, herauszufinden, was eine englische Moschee ausmacht.“

Die Natur als universelle Verbindung

Die Antwort sahen die Architekten in einem Bau, der nach außen hin fest in der lokalen Baukultur verankert ist. Denn, so die Überlegung: Seit Jahrhunderten haben sich Moscheen auf der ganzen Welt an verfügbare Baumaterialien, regionale Bauweisen sowie die jeweiligen kulturellen Gegebenheiten angepasst. „Auch wir ließen uns daher von islamischen und englischen Traditionen religiöser Architektur inspirieren“, so die Architekten über den Entwurfsprozess.

Cambridge Central Mosque, Marks Barfield Architects, Holzbau, Moschee
Nach außen hin präsentiert sich die Moschee in einer Backsteinfassade mit geometrischem Muster.
Cambridge Central Mosque, Marks Barfield Architects, Holzbau, Moschee
Auch das Holztragwerk ist den geometrischen Mustern in der islamischen Kunst nachempfunden.

Mit dem Konzept einer Oase der Stille inmitten eines Hains aus Bäumen konnte sich das Londoner Architekturbüro schließlich im Wettbewerb behaupten. Dabei ist es das universelle Element der Natur, das eine Verbindung zwischen dem Islamischen und dem Lokalen schafft. Mit dem Ziel, einen sakralen Bau für das 21. Jahrhundert zu schaffen, war auch das nachhaltige Bauen ein zentrales Thema.

Ein Puzzle mit 2.746 Holzbau-Teilen

Dank der vielen Oberlichter verfügt das Gebäude über eine natürliche Belichtung. Sein nachhaltiger Betrieb basiert auf einer guten Dämmung der Außenwände und der lokalen Energiegewinnung mittels Erdwärmepumpen. Das augenfälligste Element des Designs ist die kreative Holzbauweise, die den geringen ökologischen Fußabdruck auch bauseitig gewährleistet. 

Cambridge Central Mosque, Marks Barfield Architects, Holzbau, Moschee
Die Besucher werden beim Eintreten von einem Garten empfangen, der eine Pufferzone zur belebten Straße hin bildet.

Die Gebetshalle ist das Herzstück und die strukturelle Essenz des Entwurfs. Hier manifestiert sich das Konzept des Hains auf architektonisch spektakuläre Weise. Zwölf hohe, stilisierte Baumkonstruktionen aus Holz tragen das Dach des Portikus und der Eingangshalle. Basierend auf dem parametrischen Modell der Architekten setzte das Schweizer Holzbauunternehmen Blumer Lehmann das digitale Design in ein Baukastensystem um. 

Die Gittergewölbekonstruktion erinnert an die gotischen Fächergewölbe, für die die nahegelegene Kings College Chapel bekannt ist.

Marks Barfield Architects

Alle 2.746 Einzelteile aus Brettschichtholz wurden im Schweizer Werk in Gossau vorgefertigt und vor Ort wie ein überdimensionales Puzzle zusammengesetzt. „Die Holzsäulen, oder ‚Bäume‘, stützen das Dach mit einer verschlungenen achteckigen Gittergewölbekonstruktion. Diese erinnert an die gotischen Fächergewölbe, für die die nahegelegene Kings College Chapel bekannt ist“, erklären Marcs Barfield Architects ihre Inspiration. 

Vom Weltlichen zum Sakralen

Mit dem geometrischen Muster erhielten die Gewölbe einen Ausdruck, der dezidiert auf die islamsiche Kultur verweist. Auf diese Weise überbrückt das filigrane Flechtwerk nicht nur Jahrhunderte von Bautradition, sondern auch nationale und kulturelle Grenzen.

Cambridge Central Mosque, Marks Barfield Architects, Holzbau, Moschee
Mit natürlicher Belichtung, guter Dämmung und Geothermie setzt die Cambridge Central Mosque auf einen klimaneutralen Betrieb.

Gläubige und Besucherinnen werden beim Betreten der Moschee schrittweise von der weltlichen Straße bis in das sakrale Innere des Gebetsraums geleitet. Die räumliche Sequenz folgt dabei einer eigenen Dramaturgie. Ein islamischer Garten bildet den Anfang und schafft eine Art Pufferzone zum Stadtraum hin. Hier beginnt die architektonische Metapher des Hains, die die gesamte Anlage durchdringt. 

Eine Moschee nicht nur für Männer

Dass es sich hierbei um einen Sakralbau des 21. Jahrhunderts handelt, lässt sich auch an ihrer inklusiven, frauenfreundlichen Architektur ablesen. Während Frauen oft nur einen beschränkten oder gar keinen Zutritt zu Moscheen haben, ist ihre Anwesenheit hier explizit erwünscht.

Cambridge Central Mosque, Marks Barfield Architects, Holzbau, Moschee
Als inklusiver Ort gibt in der Moschee einen Gebetsraum, der speziell für Mütter und ihre Kinder entworfen wurde.

Schon in der Planungsphase hat man ihre Bedürfnisse in einer eigenen Umfrage erhoben. Die Ergebnisse flossen in den Gestaltungsprozess unter der Leitung von Architektin Julia Barfield ein. So entstanden drei anpassungsfähige Gebetsräume. Einer davon befindet sich am hinteren Ende der großen Gebetshalle und ist durch eine schalldichte Verglasung abgetrennt. Während Mütter dem Gottesdienst folgen, können ihre Kinder hier spielen, ohne andere dabei zu stören. 

Die Cambridge Central Mosque gilt als erste klimaneutrale Moschee Europas und wurde mit zahlreichen Architekturpreisen ausgezeichnet. So etwa mit dem RIBA National Award und dem Structural Timber Award. Die Jurys lobten dabei nicht nur das nachhaltige Konzept, sondern auch den lebendigen Ort der Gemeinschaft, der hier entstanden ist. Abgesehen von den Gebetsräumen gibt es auch ein Café und einen Bildungsraum, in dem regelmäßig Ausstellungen stattfinden.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Morley von Sternberg / Matthew Wingrove

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