
Das Designer-Bad vom Band
Der renommierte Interior Designer Justin Howlett hat für das Münchner Holz-Hybrid-Projekt Timber Living Modulbäder entworfen, die „sich bewusst vom Standard abheben“. Mit Vorurteilen gegenüber dem seriellen Bauen möchte der Designer aufräumen.
Wenn man wissen möchte, wer den kreativen Zeitgeist in den Bereichen Design, Interior und Architektur gerade am stärksten prägt, dann wirft man am besten einen Blick in die AD100. Jedes Jahr veröffentlicht das renommierte Magazin „Architectural Digest“ die Liste der 100 visionärsten Gestalterinnne und Gestalter, die unserer Welt ihren einzigartigen Stempel aufdrücken. Auch wenn mit der Liste kein Preis verbunden ist, gilt sie unter Interior Designern als so etwas wie der Pritzker-Preis unter Architekten. Einer, der seinen Listenplatz in diesem Jahr erfolgreich verteidigt hat, ist der in München und Berlin ansässige Innenarchitekt Justin Howlett. Von ihm stammt der Entwurf für die in serieller Holzbauweise hergestellten Modulbäder für das Münchner Wohnprojekt Timber Living.

Mit dem Bauvorhaben – in Holz-Hybrid-Bauweise und mit erneuerbaren Energieträgern – möchte der Entwickler UBM Development neue Maßstäbe in puncto Ökologie setzen. Wie sich dieser Anspruch im Bäder-Design wiederfindet, erklärte Justin Howlett dem ubm magazin persönlich.
ubm magazin: Herr Howlett, Ihr Credo ist, dass gutes Interior Design die vorhandene Architektur respektieren muss, um Bestand zu haben. Wie lässt sich das auf ein Modulbad anwenden, das ja so etwas wie eine Tabula rasa, ein weißes Blatt Papier, ist?
Justin Howlett: Naja, ganz so leer ist das Blatt Papier nicht. Selbst bei einem Modulbau ist eine architektonische Planung vorhanden, die ich als Basis nutzen kann. Im Fall von Timber Living hatte ich die Pläne und Renderings der Berliner Architekten zanderroth. Auch wenn diese sich im Lauf des Prozesses noch geändert haben, zeigten sie von Anfang an eine klare Gliederung, ein Spiel mit Vertikalen und Horizontalen. Das ist für mich der Ankerpunkt. Ich möchte keine Bäder schaffen, die sich in ihrer grundlegenden Struktur und Anmutung vollkommen von der Architektur absetzen. Es geht darum, die Architektursprache fortzuführen und ein schlüssiges Gesamtkonzept zu erarbeiten.
Sie haben bei derer Online-Vortragsreihe AD Masterclass den Leitspruch formuliert: ‚One design does not fit all.‘ Worin liegt die Herausforderung für Sie jetzt zu sagen, ich mache ein Bad, das für alle passt?
Es ist natürlich eine große Herausforderung, denn die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Wenn man sich eine Gestaltung überlegen will, die möglichst allen gefällt, dann muss man sich von aktuellen Trends frei machen. An einer Farbe, die jetzt gerade angesagt ist, kann man sich schnell sattsehen. Mit war es stattdessen sehr wichtig etwas zu schaffen, das zeitlos elegant ist. Wir haben uns daher bewusst für eine neutrale Farbwelt entschieden und gleichzeitig die Materialität deutlich über den Standard gehoben. Die zeitlose Optik und die höhere Wertigkeit sorgen dafür, dass man sehr lange Freude an diesem Bad hat.

Wodurch zeichnet sich diese höhere Wertigkeit aus?
Eine ganz wichtige Überlegung waren die Armaturen. Eine Zeit lang waren Buntmetalle wie Kupfer sehr im Trend, dann kamen schwarze Armaturen auf. Ein hoher Kalkgehalt des Wassers, wie er in München vorherrscht, verträgt sich damit nicht so gut. Ich bin dann sehr schnell auf Edelstahl gekommen, ein Material, das zeitlos elegant und pflegeleicht ist. Diese massiven Edelstahl-Elemente für Waschtisch, Dusche und WC-Spülplatte sind frei von Rost und vollkommen unempfindlich gegenüber Putzmitteln, was bei Armaturen mit bloßer Oberflächenveredelung nicht der Fall ist. Als Zeichen der hohen Qualität verzichten wir im Bad auch auf Kunststoffoberflächen.
Gerät man als Designer beim Spagat zwischen Anspruch und Budget auch an seine Grenzen?
Natürlich habe ich als Gestalter schon den Drang, möglichst optisch und auch vom Nutzen her das meiste rauszuholen. Und das hat nicht selten zur Folge, dass damit auch die Kosten etwas steigen. Ich bin dennoch sehr froh, dass UBM den Weg mitgegangen ist, zu sagen, wir wollen uns bewusst vom Standard abheben und ein Ergebnis liefern, das überzeugt.
Mit der Holzhybridbauweise und dem erneuerbaren Energiekonzept will das Projekt Timber Living den ökologischen Fußabdruck möglichst gering halten. Spiegelt sich dieser Ansatz auch im Bäderdesign wieder?
Die Nachhaltigkeit ist natürlich auch im Interior Design ein großes Thema. Im deutschsprachigen Raum haben wir das große Glück, dass hier sehr viele Hersteller sitzen, die tolle Produkte anbieten und im Bereich nachhaltiges Design forschen. Bei diesem Projekt setzen wir Produkte ein, die möglichst aus Deutschland oder dem benachbarten EU-Raum stammen, um so bereits bei der Materialbeschaffung den Fußabdruck möglichst klein zu halten.

Das serielle Bauen bietet eine hohe Planungssicherheit und eine überdurchschnittliche Qualität in der Ausführung, von der die Nutzer und Nutzerinnen profitieren.
Justin Howlett, Interior Designer
Die Akzeptanz des seriellen Bauens ist oft nicht besonders groß. Viele denken dabei an Plattenbau-Siedlungen und Plastik-Duschzellen. Wie kann man den potenziellen Wohnungskäufern Modulbäder schmackhaft machen?
Die berühmten Plattenbauten der Vergangenheit lassen sich mit dem Holz-Modulbau von heute nur schwer vergleichen. In diesem Bereich hat sich enorm viel getan. Das serielle Bauen bietet eine hohe Planungssicherheit und eine überdurchschnittliche Qualität in der Ausführung, von der die Nutzer und Nutzerinnen profitieren. Im Gegensatz zum herkömmlichen Bauen ist die Planungsphase deutlich länger. Man muss sich schon sehr früh auf den Millimeter genau Gedanken machen, weil hier auf den Millimeter genau gefertigt wird. Die Toleranzen, die sonst im Bauwesen in der Ausführung immer mit einberechnet werden müssen, kann man hier komplett ausschalten.
Die Fliesenlegerarbeiten passieren also quasi unter Laborbedingungen?
Genau, das ist Maßarbeit bis ins kleinste Detail. Unter Interior Designern gibt es die Anekdote vom Fliesenleger, dem das Silikon in der passenden Farbe ausgegangen ist, und der dann – der Einfachheit halber – das nimmt, was im Koffer noch übrig ist. So etwas lässt sich bei der Produktion in der Werkshalle komplett ausschalten.

Bei Fliesen ist auch der haptische Eindruck sehr wichtig. Können sich Interessenten auch einen persönlichen Eindruck vom Bad verschaffen?
Direkt am Standort des Münchner Bauvorhabens steht ein Container mit einem Musterbad nach meinem Entwurf. Dort haben potenzielle Käufer die Gelegenheit, sich mit dem Design und den Materialien vertraut zu machen.
Die Entwicklung beim seriellen Bauen wird weiter gehen. Würden Sie auch Modulküchen entwerfen?
Absolut. Bei anderen Bauvorhaben konnte ich mir dazu auch schon einige Gedanken machen. Gerade bei der Küche bietet sich die Vorfertigung besonders an. Es gibt da auch schon die ersten Hersteller, die in diese Richtung entwickeln. Ich freue mich auf das, was in Zukunft noch kommt.
Sie sind auf der Liste der AD100 und zählen damit zu den großen Talenten unter den Interior Designern. Gibt es ein absolutes Wunschprojekt, das Sie gerne umsetzen würden?
Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, hat man als Designer den Drang, vieles zu gestalten. Grundsätzlich ist mir bei meiner Arbeit die menschliche Komponente immer sehr wichtig, das individuelle Verstehen der Bauherrschaft und der Bauaufgabe. Das will ich mir definitiv beibehalten. Ich möchte sogar behaupten, dass das mitunter auch ein Grund ist, wieso ich auf dieser Liste stehe.
Gerade eben habe ich die Nachricht erhalten, dass die AD mich auch für das kommende Jahr wieder für die AD100 auserwählt hat, was mich riesig freut. Denn das ist mitunter die höchste Auszeichnung, die man im Interior-Segment bekommen kann.
Interview: Gertraud Gerst
Fotos: Elias Hassos
Visualisierungen: UBM Development